Erlebnisbericht zur HPV WM 2012 von 8. bis 10. Juni im Fowlmead Country Park, England, UK

Als bekannt wurde, daß die diesjährige WM in England stattfinden würde, packte mich sofort die Idee, dort als Zuschauer mit meinem Velomobil hinzufahren. Zur WM in den Niederlanden 2010 war ich auch per Velomobil vor Ort gewesen und hatte neben einer anspruchsvollen Hin- und Rückfahrt auch ein angenehmes Event erlebt. Fowlmead, eine naturparkähnliche Anlage auf einer renaturierten Abraumhalde des südostenglischen Kohlebergbaus, ist von Frankfurt aus nur etwa 100km und einen Fährtransfer über den Kanal weiter entfernt. Ich wollte dort schon immer mal aus eigener Kraft hin - die Insel rief also!

Die Hinfahrt begann am Donnerstag Mittag und gegen 14Uhr am Freitag erreichte ich den Fährhafen von Dünkirchen. Nachdem die ganze Fahrt liegeradfrei verlief, traf ich in der Warteschlange dort dann zu meiner Freude zwei niederländische HPVler, Theo und Toni, die ebenfalls als Zuschauer zum Veranstaltungsort in der Nähe der Ostküstenstadt Deal (etwa 15km von Dover) reisen wollten. Aufgrund des starken Windes, der mich auch schon die letzten 80km eher unangenehm begleitete, dauerte die Überfahrt doppelt so lang wie eigentlich geplant. Dadurch kam ich auch erst etwa 21Uhr an meinem Ziel an - um dort das Tor zum Park verschlossen vorzufinden. Eine Zaunkletterpartie brachte mich dann doch hinein, und zum Glück waren einige der Engländer auch noch in der Cafeterie des Geländes versammelt. Nach gemeinsamer Freude über meine Ankuft wurde mir zügig geholfen.

In zunehmender Dunkelheit inspizierte ich die beiden Areale, wo gecampt wurde: Einmal in der Nähe der Cafeteria und einmal weiter oben auf dem Hügel in der Nähe des Start-Ziel-Bereiches. Besonders viele Camper waren es nicht, insbesondere die Beteiligung aus Deutschland ließ doch stark zu wünschen übrig. Aufgrund der niedrigen Außentemperaturen und des immer noch recht starken Windes hatten sich die meisten auch schon in ihren Zelten oder Fahrzeugen verkrochen. Freudig begrüßt wurde ich bei Andreas Seilinger und Gitti, die mir auch gleich einen Tee zum Aufwärmen anboten. Ich mußte mich aber um den Aufbau meines Lagers kümmern, solange ich überhaupt noch etwas sah, und sehnte mich nach einer warmen Dusche. Im Minizelt im Windschatten meines Velomobils hoffte ich, eine halbwegs ruhige Nacht verbringen zu können. Wenig Begeisterung konnte bei mir die (wahrscheinlich GB-typische) Duschanlage mit elektrischen Durchlauferhitzern erzeugen, denn diese funktionieren nach dem Prinzip: ganz lang zu kalt - kurz angenehm - ganz lang zu heiß. Insgesamt erschienen mir die sanitären Einrichtungen als ausreichend und sie waren für die Teilnehmer auch die ganze Nacht durch zugänglich. Nach intensivem Wechselduschen schlief ich schließlich mit meiner Mütze über den Ohren an diesem erlebnisreichen Tag in windumtoster Umgebung ein.

Am Samstag fand die fliegende Runde und das 1h-Zeitfahren statt. Von der fliegenden Runde nahm ich kaum Notiz, weil ich zu dieser Zeit noch mit der Kalorienversorgung beschäftigt war. Dafür fand ich mich zum Zeitfahren im Start-Ziel-Bereich ein. Die Strecke machte einen sehr guten Eindruck auf mich, glatter Asphalt, breit, moderate Steigung, nur eben recht windig. Leider nahm ich mir nicht die Zeit, sie einmal ganz zu umrunden, um mir auch die engeren Kurven auf der Südseite anzuschauen. Teilnehmerseitig bestätigte sich das Bild, welches ich schon am Vorabend bekommen hatte: Viele Briten, wenige Rennfahrer vom Kontinent. Ich sah einige Niederländer und Belgier, aber nicht die üblichen Verdächtigen wie Ymte oder Hans Wessels (die nahe CycleVision spielte hier wohl eine große Rolle für das Fernbleiben). Sandro Bollina war mit seinem Birk Comet aus der Schweiz angereist. Aus Frankreich waren einige Fahrer mit Zockra-Rädern dabei. Italien wurde von einem ganzen Team von Studenten vertreten, die mit einem mir etwas füllig erscheinenden vollverkleideten Einspurer "Pulse" mit beachtlicher Verarbeitungsqualität antraten. Von britischer Seite fielen vor allem die zahlreich vertretenen Einspurer der "Bean-Klasse" auf, die von so starken Fahrern wie Steven Slade und Lee Wakefield gefahren wurden. Daneben gab es ICE-Trikes in Hülle und Fülle, mit und ohne Speichen- oder Heckverkleidungen, offensichtlich reiste hier die halbe Firma ICE zur Veranstaltung im eigenen Land. Teilgenommen haben auch so bekannte Briten wie Mike Burrows (für sein Alter unglaublich schnell!) und Miles Kingsbury. Wenige Teilnehmer aus Deutschland: Andreas Seilinger auf Birk Comet "Frog" als Verteidiger seines Weltmeistertitels von 2011, Matthias König (Carbon Lowracer by Lars Schröder), Hanns Stresius (M5 Highracer), Peter Welk (M5 Carbon Highracer), Ralf Golanowsky (Toxy ZR) und als einziger Vollverkleideter Arno Schulle mit seinem klar unterlegenen GoOne3.

Neben der Strecke war es leicht möglich, mit den Teilnehmern ins Gespräch zu kommen. Als jemanden, der selbst HPVs baut, interessiert mich natürlich besonders die technische Seite verschiedener ungewöhnlicher Konstruktionen, von denen es einige zu sehen gab. Doch nicht immer konnte ich alle Details in Erfahrung bringen *g*. Obwohl sich am Nachmittag einige Personen zur Freizeitgestaltung im Park aufhielten, gab es wenig Zuschauer aus dem nicht-HPV-Umfeld. Ein bißchen mehr Marketing im vorhinein hätte hier sicherlich noch den ein oder anderen Interessierten an die Strecke gebracht.

Das Zeitfahren selbst lief für die vollverkleideten Einspurer meiner Ansicht nach unerwartet gut. Ich hätte diese Räder bei den vorgefundenen Windbedingungen für nicht fahrbar gehalten. Doch alle Podiumsplätze wurden mit solchen Fahrzeugen erfahren, allen voran der überragende Steven Slade (Platz 1). Matthias König wurde der schnellste unverkleidete Fahrer (Platz 13) und Andreas Seilinger erreichte in seiner Klasse den dritten Platz (Platz 14 gesamt) hinter zwei Zockra Kouign Amann.

Nach dem Rennen fuhr ich in die nahegelegene Stadt Deal um Verpflegung für die am nächsten Tag anstehende Heimfahrt einzukaufen. Der Linksverkehr, den ich auf der kurzen Strecke zwischen Fähre und Park als machbar empfand, stellte sich im Kreuzungs- und Abbiegegewusel der Kleinstadt als doch recht gewöhnungsbedürftig heraus. Zum Glück war ich ohne Haube unterwegs (bei der der Rückspiegel plötzlich auf der falschen Seite war). Nach meinem Einkauf im ziemlich großen, vollen und verwirrenden Sainsbury's setzte ich mich an die Ufermauer, um noch ein bischen die nun dauerhaft scheinende Sonne zu genießen. Die Lufttemperaturen waren trotzdem ziemlich niedrig, so dass sich kein Sommergefühl einstellte. Erstaunt hat mich das große Interesse der Engländer am Velomobil. Während in Deutschland zwar interessierte Blicke auf das Fahrzeug geworfen werden und die Leute miteinander diskutieren, was das wohl sein könnte, haben mich dort in kürzester Zeit wirklich viele Passanten einfach angesprochen und mit mir über das VM und seine Möglichkeiten als bequemes, schnelles Reisefahrzeug gesprochen.

Mit sinkender Sonne wurde es immer kühler und ich fuhr zurück zum Park. Vom höchsten Punkt des Geländes genoss ich bis zum Sonnenuntergang noch ein wenig den Blick über die weiträumige Landschaft von Kent, auf das Meer und die in der Ferne aufragenden weißen Klippen bei Ramsgate. Nach einer ruhigen und abermals trockenen Nacht bei deutlich zurückgegangenem Wind startete ich am nächsten Morgen zur Rückfahrt. Kaum auf der Fähre geparkt, ging schon die (diesmal tatsächlich zweistündige) Überfahrt los. Am frühen Montagnachmittag war ich zurück und hatte eine lohnenswerte, anstrengende, aber interessante Reise zur 2012-er Weltmeisterschaft der Human Powered Vehicles hinter mir.




Fahrerbericht von Andreas Seilinger

Bin wie gehabt mit dem Frosch Birk Comet in der TV Klasse gestartet. Alle 3 Erstplazierten des letzten Jahres waren wieder dabei. Hier mal kurz der Abriss der Renntage

Freitag Abend, 100m fliegend :

Fanden nicht statt. Es war besonders am Freitag extrem windig, wenn auch trocken. Ich hatte daher schon für mich entschlossen, sowieso nicht zu starten. Bei Böen bis etwa 70-80km/h (Vorhersage waren sogar 100km/h) war mir das zu happig, zumal man genau an der schnellsten Stelle aus dem Windschatten von Bäumen heraus in verwirbelten Seitenwind gefahren wäre. Daher hat man sich entschlossen, eine schnelle, verkürzte Bahnrunde mit stehendem Start zu fahren. Das hab ich erst kapiert, als sich alle schon brav zum Start aufgereiht hatten. Hätte ich mal in´s Rennbüro geschaut... Kenn ich ja von anderen Veranstaltunge. Dort gibt´s i.d.R all die Infos. Nicht warm gefahren, ohne Streckenkenntnis...Na ja, eine Siegfahrt konnte das so nicht werden. Renndauer etwa 90 Sekunden auf kurviger, sehr schöner Runde mit dann doch über 50er Schnitt. Platz 3 TV

Samstag

Schnellste Bahnrunde EZF
Weiterhin sehr unangenehm windig und auf der kurvenreichen, anspruchsvollen Strecke durchaus nicht ohne zu fahren.
Ich hatte verschlafen (ja, die Wochen vorher im Geschäft und die über 1000km Anreise waren doch etwas anstrengend gewesen) und bin erst 10min vor Rennstart aus den Federn Etwas verschlafen, wieder ohne grosse Vorbereitung und zusätzlich leichtes allergisches Asthma ab Hälfte der gut 3km langen, grossen Runde. Platz fünf glaube ich. Hat mich nicht weiter gestört, denn ich hatte ob des Stresses im Vorfeld eh schon abgeschlossen mit einem Sieg.

1 Stunde EZF
Der Klassiker sozusagen. Hat richtig Spaß gemacht auf der schönen Strecke. Der Wind hat immer noch etwas genervt, aber doch deutlich nachgelassen. Wie bisher kein Regen, sogar etwas Sonne. Wieder 3. TV

Sonntag

Bilderbuchwetter mit Wolken und Sonne im Wechsel, etwa 20 Grad, trocken, wenig Wind. 2h Kriterium standen an, aufgeteilt in 2 Rennen (langsame Gruppe, schnelle Gruppe). Da für Nachmittag Regen angesagt war, hat man die schnellere Gruppe und VV vorgezogen. Eine durchaus sinnvolle Entscheidung, auch wenn der angesagte Regen dann doch erst nach den beiden Rennen kam. Infos wie immer am Rennbüro an der Eingangstür, zudem lief jemand über das Campinggelände. War eigentlich schon recht gut mitzubekommen. Etwas Eigeninitiative vorausgesetzt.
Das Rennen verlief in den ersten 30min eher hektisch. An der Spitze der TV/UV hatte sich ein etwa 10 Fahrer starker Zug gebildet mit vielen Sprinteinlagen und Führungswechseln. Nach einer Stunde hatte sich das dann endlich beruhigt und es wurde Tempo rausgenommen. Diese Ruhe hat dann Sandro Bollina gut genutzt und ist Solo hinter einer überholenden VV davongezogen und ward nicht mehr gesehen. Der ganze Rest der Siegaspiranten blieb zusammen bis 1km vor Schluß. Keiner wollte den Sprint anziehen und es wurde eher taktisch gebummelt. Somit hab ich es gewagt und den Sprint als erster angezogen. In der TV konnte mich nur noch Geoffroy Lelievre kurz vor der Ziellinie abfangen. Also wieder 3.Platz. War ein schönes Rennen mit durchgehend Windschattenfahren und Taktikspielereien.
Letztendlich haben die 3 Vorjahressieger der TV einfach rotiert. Im Endergebnis kam ich auf 3, Sandro Bollina auf 2 und Geoffroy Lelievre auf 1. Über UV und VV hab ich natürlich wenig Überblick, aber wie zu erwarten konnte Steven Slade wieder die VV gewinnen

Soweit der kurze Abriss über meine Rennen. Jetzt noch ein paar allgemeine Dinge.
Ja, stimmt. Der Titel "WM" ist für eine solche Veranstaltung etwas hoch gegriffen. Aber zumindest ist es eine offizielle Ausschreibung und jeder kann teilnehmen und sich den Titel sichern. Die Veranstaltung hatte etwa 80 Starter, was für ein Rennen auf der Insel sicher nicht schlecht ist. Trotzdem ist eine WM nur so gut wie seine Starter. Sehr Schade, daß vor allem die Holländer fast geschlossen zu Hause blieben. Auch von der Deutschen Milan und EVO Fraktion war nix zu sehen. Leider spaltet sich die Rennszene gerade etwas auf: Einerseits die superschnellen VM/VV und ultraflachen UV, auf der anderen Seite eben jene wie auf der WM, die ihre Räder nicht nur auf reinen Hochgeschwindigkeitsstrecken bewegen wollen, sondern auch Spaß an Kurven haben, die nicht mit 50+ zu fahren sind.
Die in einen Landschaftspark integrierte Radstrecke war wirklich genial. Schön im Grünen, ausreichend breit, tolle Kurven, leichte Anstiege und Gefälle, guter Belag. Eine flüssig zu fahrende, aber durchaus anspruchsvolle Strecke. Bis auf eine 180 Grad Kurve konnten TV/UV alle Passagen voll nehmen. Max. Speed in der 180 Grad waren bei mir allerdings immer noch 47 km/h. Bei den VV haben die Briten gezeigt, daß sie sowas kennen und mögen. War wirklich schön anzusehen.

Neben den Rennen waren es aber vor allem diverse andere Eindrücke, die unsere Reise zum Erlebnis machten, zum Beispiel :

- die super motivierte Truppe von ICE. Sie brachten zusammen mit der halben Firma ca. 10 Leute an den Start. Teilweise waren hier sehr schön verfeinerte Trikes zu sehen. Tim Parker (Sohn des ICE Chefs) bekam eine sehr schicke VV für sein Trike geschnitzt und gewann damit souverän den Juniorentitel.

- Mike Burrows. Er hat wieder mal ein sehr interessantes Rad gebaut mit gelenkter Vorderradnabe. Aber was mich wirklich von den Socken haut: Mike ist 69 Jahre alt und konnte bis zum Schluss des 2 Stunden Rennens das Tempo der TV/UV Spitze mitgehen Rrrrespekt, das gibt mir Hoffnung für die Zukunft...

- Von Steven Slade persönlich die Runde des ersten Rennens erklärt zu bekommen. Da merkt man erst, wie detailliert er jeden Meter der Strecke im Kopf parat hat. Er weiss auch genau an welcher Stelle der Wind von wo kommt und auf welcher Linie er die Kurven anfährt

- Das England Spiel in einem Britischen Pub ansehen bei einem Strongbow oder auch Zweien...

- Und dann war da noch Clive. Er war einfach mal so mit seinen historischen Moultons vorbeigekommen, um sie den Leuten zu zeigen und hatte auch kein Problem, mich mit einem seiner wertvollen Stücke aus den 60ern eine Runde fahren zu lassen. Muß schon sagen, viel besser laufen vergleichbare Räder heute auch nicht...

- Und überhaupt, die Landschaft in Kent ist wunderschön, die Steilküste ebenfalls. Und die Leute sind offen und freundlich. Das ist schon eine Reise wert...

Bilder gibt´s auf der Veranstaltungsseite unter "Forum". Auch ein nettes Filmchen der Franzosen, die ebenfalls eine Menge Spaß hatten. Christoph Hipp und Heike Bunte waren ebenfalls da und haben fleissigst fotografiert. Da kriegen wir sicher noch tolle Bilder zu sehen.

In der Summe ein spannendes Wochenende. Viel gesehen, viel erlebt, viel Spaß gehabt.