Erlebnisbericht zur HPV WM 2022


@kouign – DANKE DANKE DANKE an Dich und Deine vielen, vielen Helfer, denn diese Tage waren wunderschön und ereignisreich und ich habe jede Minute im schönen Jura genossen.

Das kurze Fazit für alle, die nicht weiter lesen wollen. ;)
Es lief aus meiner Sicht hervorragend – Super Wetter, Super Gegend, Super Strecken, Super gelaufen. Super…………………..lange Rückfahrt.

Ab hier ausführlich weiter
Bis vor wenigen Wochen war nicht klar, ob ich überhaupt fahre oder nicht. Darum habe ich die Anmeldung auch rel. spät vorgenommen. Das waren zum Einen familiäre Fragezeichen, aber auch die Kostenteilung einer Anreise, da mir das für mich alleine zu viel gewesen wäre.

Einer der wichtigen Gründe FÜR die Teilnahme war, herauszufinden ob das MBB jetzt wirklich so gut läuft wie ich vermuten konnte – Vergleiche sind sehr schwer alleine durchzuführen und einige schöne Tage mit einem guten Freund verbringen.

Vor ca. 4 Wochen habe ich dann auch entschieden, mal so zu tun, als würde ich mich die verbleibende Zeit auf die WM vorzubereiten. :whistle: Das wichtigste schien mir, mich doch mal ernsthaft mit meinem Sprinten auseinander zu setzen, da ich doch eher zur Langstrecke, Bergen und Ausdauer hingezogen fühle. Mit @MartinL , der mich mit dem RR begleitete, und seiner Erfahrung als Beistand musste das doch klappen. :) Die Kraftentfaltung bzw. das Gefühl auf dem MBB waren beim Sprint anfangs neu und ich musste mich erst mal etwas hinein finden. Die Beine waren offensichtlich auch noch nicht sicher, ob ihnen das jetzt gefallen soll oder nicht. Schlussendlich habe ich dann 2-3 ähnlich Einheiten gemacht, aber sicher nicht konsequent dafür trainiert.
Dann führte ich auch einen Helm-Aerotest durch, bei ich ständig anfahren und zumindest auf 40 km/h beschleunigen musste. Das habe ich am Folgetag auch gut gespürt. Der Test war insoweit erfolgreich, als dass sich der Zeitfahrhelm eindeutig als der schnellste herausgestellt hat. Ich benötigte damit bei 40 km/h gute 10 Watt weniger als mit meinem alter RR-Helm. Der RR-Aerohelm mit Visier lag so in der Mitte.

Zwischenzeitlich klärten sich ein paar wichtige Fragen. Es ergab sich, dass sich @Christoph Moder gut genug fühlte und ich mit ihm meinen Mitfahrer gefunden habe. Auch die anderen Bedingungen ergaben sich so, dass ich die WM-Anmeldung fix machen konnte.

Gerne hätte ich noch das Kriterium auf einer naheliegenden Strecke getestet, die von der Länge und den Höhenmetern den 100 km in Frankreich ähnlich war. Allerdings kam ich dann wegen Vorbereitungsarbeiten am MBB und familiären Einsätzen nicht mehr dazu, das zu probieren. Naja, optimal ist anders.

Am Rad wäre auch noch einiges zu tun, aber nichts, was fürs Fahren grundsätzlich notwendig wäre. Ich hatte mich dann entschieden, den LRS vom RR einzusetzen, weil der auch über 200 gr leichter ist (schwacher Fahrer braucht besseres Material ;) ).

Donnerstag Mittag ging es dann endlich los, nachdem ich in der Früh erst noch Reste packen musste und auch zu arbeiten hatte. Immerhin konnten wir dann gegen 12:30 starten.
Dann schon der erste Schreck, als ich merkte, dass ich den Tacho vergessen hatte. Also mit kleinem Umweg nochmal daheim vorbei, Tacho zum Glück gleich gefunden und wieder weiter.
Die Fahrt verlief unauffällig und wir entschieden uns im Jura für einen Weg abseits der Autobahn, besuchten noch eine schöne Schlucht mit Genueserbrücke und anschließend eine Karst-Quelle mit kurzer Erfrischung im kalten Wasser. Die Suche nach einem Übernachtungsplatz machte uns etwas mutlos, aber als wir Mouthe erreichten, fuhren wir mutig auf den Sportplatz-Parkplatz, den ich aus den Augenwinkeln noch sah und wo wir dann auch ungestört blieben.

Morgens dann ein paar Orte weiter beim Bäcker ein franz. Frühstück geholt und in einer Bar einen Kaffee dazu. So gestärkt machten wir uns auf die letzten 60 km und trafen auch frühzeitig in Bellecin ein. Schöner Sportpark, der offensichtlich auch vielen Schulklassen und Kinder- bzw. Jugendgruppen als Camp dient. Tolle Sache.
Die Registrierung lief extrem unkompliziert und war schnell abgeschlossen, Zelte aufgebaut und das Equipment verstaut.

Das Bergzeitfahren war schon nicht ohne und ich ganz sicher nicht in der optimalen Verfassung, weil ich das Training im bisherigen extrem unruhigen Jahr nicht wirklich gezielt angehen konnte. Mir war klar, dass ich bei dieser WM keine Topergebnisse erwarten konnte, wollte aber für mich persönlich das Maximum rausholen. So bin ich Vormittags die Strecke 2x locker abgefahren, um mich wenigstens im Rahmen meiner Möglichkeiten bestmöglich einzuteilen. Als rel. guter Bergfahrer waren es für mich aber deutlich zu wenig Hm am Stück und mir war klar, dass es für mich eher mittelmäßig laufen würde, was sich im Ergebnis auch zeigte.

Vorher musste die 10-fach Kassette vom LRS auf den leichteren LRS und schon gab es etwas Schwierigkeiten, weil mir beim Zahnkranzwechsel der Distanzring hinter der Kassette für 10-fach in Stücken entgegen fiel. Ich hatte nur etwas Plexiglas da, aus dem ich mir einen passenden Ring schnitzte. Der hielt zum Glück problemlos durch. Außerdem brauchte ich eine - bisher nicht vorhandene - Stelle in Form eines gemeufelten Flaschenhalters, an dem ich die Startnummer befestigen konnte. Eine leichte Nackenunterstützung wollte ich auch noch anbauen, zeigte sich dann aber als nicht ausreichend.
Damit man genug Adrenalin aufbaut, sollte man mit solchen Restarbeiten möglichst erst kurz vor dem Start fertig werden. Das bekam ich also perfekt hin :rolleyes: und bin dann gleich mal zum Start als einer der letzten angerollt.

Ca. 17:20 Uhr also Start für UV. Warmfahren ging nur unterhalb des Startbereichs bis zum Wasser, aber besser als nichts. Das nutzten auch einige der UV-Fahrer. Nachdem ich beim Gedrängel vorne niemand durch mögliche Unsicherheiten behindern wollte, hab ich mich weiter hinten eingereiht, was für mich wegen der Messschleife im Grunde keinen bedeutenden Unterschied machte. Sowohl der erste, als auch der zweite Lauf war o.k. und mehr hätte ich bei maximalem Puls von 177 auch nicht fahren können. Damit lag ich mit 2x ca. 7‘30 jetzt nicht schlecht, aber auch nicht wirklich gut. Zu dem Zeitpunkt musste ich mir eingestehen, dass das Fahrerfeld bei den UV doch relativ stark ist. :oops: Die Belastung war zwar dann Limit, aber die Beine keineswegs überlastet.

Nach dem Zeitfahren habe ich mich Alain angeschlossen und wir sind los, noch etwas die Beine locker fahren – nochmal den Kurs des Bergzeitfahrens hoch, oben etwas quer und wieder zurück. Später hat Alain dann auch mal mein MBB probegefahren – der Einfluss des Tretens auf die Lenkung ist spürbar weniger als bei seinem Curzbike, dass ich mit meinen kurzen Beinen nicht fahren konnte.

Abends noch den Bauch gefüllt und dann bin ich hoch gespannt auf die Sprintwettbewerbe ins Bett gegangen. Etwas Unruhe vor dem kommenden Tag war schon da und hat den Schlaf dann auch etwas gestört.

Rel. früh - so kurz nach 6 Uhr - sind wir dann zum Frühstück, weil wir per Rad zur Sprintstrecke fahren wollten. So ist man dann wenigsten gut aufgewärmt. ;) Es dauert vor Ort dann aber doch noch eine Weile. Mit @M-Elch und noch einem Fahrer waren wir die letzten, die sich auf den Weg machten und kamen auch nicht zu früh an. :whistle: Bis alles mal am Rollen war dauerte es aber dann doch noch und auf den Nebenstraßen hatte ich die Beine so gut wie möglich warm gehalten. Dabei konnte ich auch gleich noch den Windeinfluss etwas austesten. Dass es am Start leichtes Gefälle hatte kam mir sehr entgegen, weil ich leichter Geschwindigkeit aufbauen konnte. Die 200 m hätte ich noch deutlich früher anziehen sollen. Die 1000 m waren einfacher einzuteilen - draufhalten und wenn man nicht mehr kann, nicht zu stark abfallen. :D Das Ergebnis der Sprintvorbereitungen zeigte mir, dass ich mit hoher Trittfrequenz fahren muss, weil ich das über Kraft nicht gefahren bekomme. Das hat dann so auch gefühlt gut geklappt und die Ergebnisse lt. Messungen waren deutlich besser, als ich das erwartet hätte. Ich denke aber, dass da mit mehr Vorbreitung auch noch Luft nach oben wäre. Hier ahnte ich dann, dass das Rad wohl wirklich recht schnell läuft und meine Schwächen ausgleichen hilft. :)

Bei der Rückfahrt nach Bellecin blieb ich dann trotz der Steigungsmeter - immer schön locker bleiben - gut im regenerativen Bereich von +/- 150 Watt und somit eine gute Vorbereitung für den folgenden Tag.

Abends fanden sich dann einige zusammen, und wir haben unsere Vorräte geplündert, bevor die Wespen und alles weg fressen konnte. Das war wirklich nett und entspannt.

Nach einer weiteren etwas unruhigen Nacht stand dann das 100 km Kriterium an. Wir entschieden uns für eine Anfahrt per Auto und parkten es auf der Kuppe vor einer Abfahrt, weil ich davon ausging, dass ich für die neutralisierte Anfahrt nochmal per Rad zurück nach Orgelet muss. Das war ein Trugschluss. Das Auto noch bis zum Startort zu fahren ging dann aber auch nicht mehr, weil Christoph den Schlüssel in der Tasche hatte und schon weg war. :confused: Egal. Also Abfahrt zum Zielpunkt. Dann hab ich mit Schrecken festgestellt, dass ich die Riegel im Auto liegen gelassen habe. o_O So kam nochmal ein wenig mehr Adrenalin in die Blutbahn – Naturdoping quasi. :D Nach kurzem Überlegen hab ich mich entschieden, den Schlüssel mit zu schleppen (was das wieder wiegt :rolleyes:), in der ersten Runde kurz anzuhalten, die Riegel raus zu holen und weiter zu fahren. Das hat mich am Ende bestimmt 30 Sek. gekostet - und mir natürlich die gesamte Platzierung versaut. :whistle: Nachdem es sich bis zum Start noch etwas zog, hab ich mich an einer sanften Steigung in der Nähe warm gehalten. Ich hatte da schon mit bekommen, dass die ersten 20 für die ersten Startgruppe aufgerufen werden sollten und begab mich also schon mal in die Reihen dahinter. Dann hörte ich irgendeinen französisch klingenden Namen, der mir etwas bekannt vorkam (mein Vornamen eignet sich gut fürs Französische, der Nachname klingt aber doch anders :D ) und tatsächlich wurde ich in der ersten Startgruppe gerufen. Ist bestimmt ein Fehler, aber egal – stell ich mich halt hin. :) Das Gesamtergebnis vor dem Kriterium hab ich jetzt erst angeschaut – Platz 25. Keine Ahnung warum ich vorne starten durfte. Nicht von hinten durch‘s Feld pflügen zu müssen war aber wirklich angenehm. Dann ging es auf die Strecke und mir war bewusst, dass ich erst in der 3. Stunde richtig verlieren kann. Daraufhin legte ich meine Strategie so aus, dass ich die 1. Stunde ganz kontrolliert nach Wattwerten etwas über 200W und nicht zu viel über der (geschätzen) Schwelle von 270 W fahren. In der 2. Stunde nahm ich mir vor, intuitiv etwas mehr Gas gegeben, das Gelände für mich nutzen und in der 3. bloß nicht groß abzufallen. Die Einteilung hab ich auch ziemlich gut hin bekommen.

@Christoph Moder war mein Streckenposten, der mich mit Getränk versorgte, so dass ich immer nur für max. 2 Runden zu Trinken dabei hatte. Das war perfekt und ein großer Dank an ihn.

Die Steigungen waren teils etwas stufig, so dass ich die steileren Passagen kurzzeitig auch im Bereich 350-400 Watt gefahren bin. Allerdings flachte das immer recht schnell wieder ab und dort konnte ich über die Trittfequenz wieder erstaunlich gut Geschwindigkeit aufbauen. Das funktionierte auch über die gesamte Zeit. Wo immer möglich, bin ich – mit Kontrollblick – die Ideallinie gefahren, v.a. bergauf um Strecke zu sparen. Bergab bin ich leicht verhalten und meist rechts gefahren, damit VM und PF leicht und sicher vorbei kommen. Die zwei Kurven nach Abfahrten nahm ich moderat, weil man im Eifer sonst leicht einen Abflug machen konnte. Die Kurve in den Anstieg rein machte es kaum Sinn zu schnell zu fahren.

In der Analyse der Daten zeigt sich, dass die erste Runde noch lockerer lief, weil sich das Feld erst mal sortieren musste, dann wurde meine Rundenleistung im Schnitt etwas höher, fiel zum Ende aber dann wieder leicht ab. Dass ich das gesamte Kriterium als "Gruppe" mit mir an der Spitze und ohne weitere Helfer fahren musste hätte ich allerdings nicht erwartet. :confused: Damit fehlte mir schon etwas der Anreiz einer Gruppe, mich noch mehr zu quälen und ich konnte mich durch Überholen puschen. Das dauerte aber noch, denn das ergab sich ja erst mit Überrundungen. Das Terrain lag mir aber extrem gut, ich kam gefühlt sehr leicht über die Steigungen und habe die Strecke unglaublich genossen, weil es auch landschaftlich wunderschön war.

Im Gegensatz zu anderen würde ich eher sagen, dass die Steigungen moderat und nicht besonders schwer waren. Meine Übersetzung vorne 52-36 und hinten 11-28 waren sehr gut passend. Das sieht man auch daran, dass ich problemlos in den flacheren Passagen der Steigungen eine Freuquenz von über 100 U/min fahren und halten konnte und an den Rampen nur auf ca. 90 gefallen bin. Das fühlte sich für mich auch wirklich entspannt an. Ich sah aber auch viele andere, die sich die Steigungen hoch quälten. Wirklich extrem interessant, wie unterschiedlich die Wahrnehmung sein kann.

Noch vor Beginn der 9. Runde wurde ich von Marvin überholt und damit war klar, es werden für mich wie erwartet nur 9 Runden. :)So ging ich mit etwas mehr gefühltem Druck an diese letzte Runde (wattmäßig aber doch weniger) und sobald es an die kurzen Rampen ging, war das in den Oberschenkeln deutlich spürbar. Trotzdem liefen die flacheren Teile gefühlt dann wieder so schnell und locker wie vorher.

Dann Durchfahrt am Ziel und noch ein paar Meter ausfahren. Ergebnis ist erst mal noch egal, jetzt trinken, eine Kleinigkeit essen und Schatten suchen.

Dass ich in Summe aller Rennen und erstmalig bei einer WM dann auf dem 8. Platz bei den UV stand war für mich sehr überraschend. :D

Viel schmerzhafter als irgend eine Strecke dieser Tage war für mich dann die Rückreise. Kopf und Beine wären lieber Rad gefahren, als im Auto zu sitzen. Da hab ich mehr glitten als irgendwann an diesen Tagen.

Mein persönliches Fazit
Das Rad läuft absolut toll, aber der Fahrer sollte mal etwas mehr trainieren. :whistle: Das sag ich ihm auch immer, aber er redet sich dann mit Arbeit, Familie, Fahrradentwicklung und so Zeug raus. :D Aber er hat verstanden, dass Sprinttraining für ihn gar nicht so falsch ist, weil das eher seine Schwäche ist und er da am meisten lernen kann. Wenn er vorne mitfahren will, müsste er aber doch noch ein paar Watt drauflegen und das wird ohne mehr Training dann schwierig.

Einige forderten mich schon auf, nächstes Mal wieder dabei zu sein, aber die Frage kann ich aktuell überhaupt nicht beantworten. Gerne würde ich mehr trainieren, aber das muss halt auch passen. Einfach mal abwarten und nicht aus dem Tritt kommen.

VG, Roland

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